Adalbert Stifter – ein großer Österreicher

Veröffentlicht: 2008/11/12 in Personen / Persönlichkeiten

„Durch die Natur wird das Herz des Menschen gemildert und besänftigt.“ Dieses Zitat ist sehr prägnant für den bedeutendsten Schriftstellern des Biedermeier.

Ich will hier nicht seinen Lebenslauf abhandeln, denn den kann man hier gut nachlesen. Aber es gibt zwei denke ich einmalige Dinge um die Person Stifters, die ich sehr bemerkenswert finde.

 

Ehrung eines Dichters

 

Eines Tages erhielt Stifter in Linz eine Zuschrift folgenden Inhalts:

"Mein Herr!

Am 16. April d. J., nachmittags 3 Uhr, wird im Restaurant des Hotels zum Erzherzog Karl in Linz ein Mann sitzen, der mit Ihnen ein Glas Wein trinken will. Er reist zu diesem Zweck dahin und bittet Sie, sich zu genannter Stunde im genannten Lokale einfinden zu wollen.

Amsterdam, 3. April 186…. John Benotts."

 

Stifter war von diesem Schreiben nicht wenig überrascht. Er hatte keinen Bekannten namens Benotts und konnte sich auch nicht denken, wem es in Amsterdam einfallen sollte, nach Linz an der Donau zu reisen, um dort mit einem ihm fremden Manne ein Glas Wein zu trinken.

Der Dichter, der in nächster Nähe des Hotels wohnte, ging zur bestellten Zeit in das Restaurant. Das Lokal war fast leer. An einem Tisch sassen zwei alte Linzer Bürger. Am Ofen hockte ein alter Mann, der sich seinen Mantel trocknete. Stifter setzte sich an einen kleinen Tisch und fragte den Kellner, ob nicht ein Fremder aus Amsterdam im Hotel abgestiegen sei. Man wusste von nichts.

 

Es war 3 Uhr geworden. Stifter fiel es auf, dass der alte Mann am Ofen unruhig wurde und aufgeregt zur Türe blickte, so oft sich diese öffnete. Endlich erhob sich der Alte. Er war ein gebückter, kränklich aussehender Mann mit langen grauen Haaren und zwei Strängen Backenbart, die seinem Aussehen etwas von einem Engländer verliehen. Hinkend, als wäre ihm am Ofen ein Fuß steif geworden, trat er zum Kellner, wechselte mit ihm einige Worte, worauf dieser nach dem Tische deutete, wo Stifter sass. Der Alte nahte sich diesem zögernd, blieb dann unbeweglich davor stehen und starrte den Dichter an.

 

"Sind Sie es?" fragte er dann mit fremdartiger Betonung. "Sie sind der Dichter der ‚Studien‘?"

"Ich heiße Adalbert Stifter", antwortete der Dichter.

"Ich danke Ihnen", sagte der Fremde. "Ich bin John Benotts aus Amsterdam". Damit setzte er sich Stifter gegenüber an den Tisch. Dieser wusste nicht recht, was er sagen sollte und schwieg. Der Fremde sagte auch nichts weiter als: "Welchen Wein trinken Sie gern?" "Rheinwein", antwortete der Dichter.

Der Fremde bestellte. Dann sass er Stifter schweigend gegenüber und betrachtete dessen Gesichtszüge. Als der Wein kam, schenkte der Holländer die Römer voll, stieß mit dem Dichter schweigend an und sie tranken. So verging eine habe Stunde, ohne dass sie bisher mehr als zwanzig Worte mitsammen gesprochen hatten. Als die Flasche leer war, erhob sich der Fremde und sagte mit leiser Stimme: "Ich hätte eine Bitte. "Sprecht sie aus!" sagte Stifter.

Der Fremde stand eine Weile schweigend da, dann sagte er: "Adalbert Stifter! Lasst Ihr es zu, dass ich Euch auf die Stirne küsse?"

Nun erhob sich auch Stifter und sprach: "Die Stirne des Menschen ist von Gott geweiht. Küsst sie!"

Jetzt legte der Fremde seinen Arm langsam und leicht über die Schulter des Dichters, neigte sich hin und küsste dessen Stirne. Als das geschehen war, sagte er noch: "Ich danke Euch, Adalbert Stifter, für alles Glück, das Ihr mir gegeben habt. Lebet wohl!"

Nach diesen Worten ging er, bestieg seinen vor dem Hotel bereitstehenden Wagen und fuhr zum Bahnhof. Stifter war von der Begegnung tief beeindruckt und schritt still seiner Wohnung zu.

 

Einige Wochen später erhielt er folgende Schreiben:

"Mein teuerer Dichter!

Der Mann v. 16. April wird Ihnen sonderbar erschienen sein. Derselbe hat Ihre ‚Studien‘ gelesen und ist von diesen Dichtungen so oft und so tief ergriffen worden, dass allmählich in ihm der unbezähmbare Wunsch entstand, einmal die begnadete Stirn des Dichters zu küssen. Darum reiste er nach dem fernen Österreich auf geradem Wege hin und auf geradem Wege zurück, ohne Aufenthalt, ohne anderen Zweck als den, Ihnen seinen großen Dank anzuzeigen. So ist es geschehen und ich bin nun wieder in meinem Hause. Die Pilgerfahrt zu meinem Dichter der ‚Studien‘ zählt zu dem wenig Schönen, was ich in diesem Leben getan habe. Adalbert Stifter! Segne Sie der Himmel für alle Wohltat, die Sie durch Ihre Dichtungen den Menschen erwiesen haben und erweisen werden.

Amsterdam, 4. Mai 186…. John Benotts."

 

Seit dieser zeit hatte Stifter nichts mehr von dem Verehrer aus Holland gehört. Wenige Tage vor seinem Tode soll der Dichter noch die Äußerung getan haben, daß von allen Huldigungen, die ihm je zuteil geworden, ihn keine so eigentümlich und tief bewegt habe, wie die des Holländers John Benotts.

 

 

Seine sonderbare Grabinschrift

Im Jahre 1872, vier Jahre nach dem Tod Adalbert Stifters, gelang es Freunden, an deren Spitze sein alter Studienfreund Sigmund Freiherr von Handel stand, ein Grabmal zu errichten.

Es trägt seinen Namen, das Datum seiner Geburt und seines Todes.

Nach dem Ableben der Witwe des Dichters im Jahre 1883 geschah es, dass nach deren letztwilliger Verfügung eine Grabplatte mit einem Lorbeerkranze vor dem Denkmal angebracht wurde. Der Inschrift unter diesem metallenen Kranze, die den Ruhm ihres Mannes hätte bezeugen sollen, hatte Frau Amalie folgenden Wortlaut gegeben:

Hier ruht die wohlgeborne Frau Amalie Stifter, geb. Mohaupt,

mit ihrem Gatten,

dem k. k. Hofrathe,

Ritter des Franz Joseph-Ordens,

Besitzer der großen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft,

Ritter des großherzoglich Sachsen – Weimar’schen Falken-Ordens

geboren 10. Juli 1811, gestorben 3. Februar 1883.

 

Nur eines vergaß seine liebe Frau – dass ihr Mann ein Dichter war.

Advertisements
Kommentare
  1. MIK sagt:

    Hallo Chawa,
    schöne Geschichte.
    Ja ich denke auch, oft verliert man mit dem ganzem Drumherum das Wesentliche aus den Augen.
    Eine schöne Woche wünsch ich Dir.
    Alles gute und bis bald. MIK

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s