Reichspogrom: Was – wieso – warum? (4. Teil)

Veröffentlicht: 2008/11/09 in GEGEN rechts!
Wieso war nun dies alles in einer Christlichen Gesellschaft, die immer von Nächstenliebe predigt, möglich?

Das Bild vom schmutzigen, materialistischen und schamlosen Juden beruht auf einer der älteren christlichen Ideologie. Bereits seit Beginn des 16. Jahrhundert werden von der katholischen Kirche Juden als teuflischen, verstockten und als Mörder dargestellt, denn wie heißt es da in alten Kirchendokumenten so schön: Sie haben unseren Herrgott ans Kreuz genagelt. Das die normale Bevölkerung das Gepredigten als richtig akzeptierte, ist aus der Machtposition der Kirche zur damaligen Zeit zu verstehen. Aber bitte kann mir mal einer ehrlich sagen: Wie kann man denn G’tt ans Kreuz nageln? Und Jesus ist ja wohl nicht der in dem Dokument genannte Herrgott, oder? 

Nicht minder judenausgrenzend war die protestantische Ideologie vom gottgewollten deutschvölkischen Obrigkeitsstaat. Protestantischer und katholischer Antijudaismus haben das Reich der Angst und des Terrors, 1933 bis 1945, von Anfang an gewollt und bis zuletzt gestützt; das Feindgespenst war der „jüdische Bolschewismus“.

Natürlich gab es Ausnahmen. Priester, die jüdische Kinder versteckten. Priester die nicht diese Ideologie von der Kanzel predigten. Mir hat einmal ein alter katholischer Padre erzählt unter welchen Repressalien er von Seiten seiner Kirche leiden musste, weil er GEGEN das alles war. Weil er geholfen hat. Er hat das KZ überstanden und war nie müde, Zeugnis über diese Zeit ab zu legen.

Aber wie kam es nun konkret zur antijüdischen Gewalt im November 1938?

Mit dem heute üblichen und meist verharmlosenden Blick auf die NS-Diktatur ist diese Frage nicht zu beantworten. Das Zeitalter der von Deutschen veranstalteten millionenfachen Morden beginnt nicht in der Stunde 0. Es ist eine geschichtliche Entwicklung. Sie beginnt im 11. Jahrhundert und setzt sich bis in die modernen deutschen Geschichte und Kultur fort. In diesem Rahmen lebt die überaus mächtige Tradition des modernen deutschen Antisemitismus.

 

Judenlümmel und Parasiten, solche oder ähnliche Bezeichnungen für Deutsche jüdischer Herkunft waren lange vor 1933 üblich. Seit dem frühen 19. Jahrhundert regen sich Deutsche über unverschämte und dreiste Benehmen jüdischer Deutscher, über den provozierenden Baustil und die weithin sichtbaren hebräischen Zeichen der Synagoge, als Ausdruck jüdischen Geistes auf. Im frühen 19. Jahrhundert steht auf einem Schild über dem Eingang zum Kurhaus in einem deutschen Kurort: Ein Jude und ein Schwein dürfen nicht herein. Auch die Parolen Juda verrecke! oder Die Juden sind unser Unglück, ist keine Erfindung der Nazis. Das Letztere verkündete 1879 der liberale Berliner Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke  und löste damit den ersten Antisemitismusstreit der deutschen Geschichte aus.
Am 12. November 1938 sagt Göring in einer mehrstündigen Besprechung über die Judenfrage: „Die Schweine werden einen zweiten Mord so schnell nicht machen“.

Die zentrale Verkörperung des Negativen war einfach "der Jude", gefolgt von Demokraten, Sozialisten, Bolschewisten. Das Ganze ist ohne die Erkenntnis der spezifisch deutschen idealistischen Reinheitsideologie – der Rassenreinheit, unverständlich.
Je schrecklicher die politischer und sozialer Ereignisse im Laufe der Geschichte waren, um so mehr lehnte die deutsche Kultur den personifizierten unverschämten Fremden ab.

Die „Nazis“ waren Deutsche. Auch Juden waren Deutsche und wollten nie etwas anderes sein. Aber sie wurden seit Beginn der deutschen Moderne von der großen Mehrheit der deutschen Gesellschaft gefürchtet und ausgegrenzt. Ansätze einer „Judenemanzipation“ seit dem frühen 19. Jahrhundert hatten mit dem heutigen Begriff der Integration nichts zu tun. Namhafte Deutsche äußerten sich ausgiebig zu diesem Thema:

  • Wolfgang Goethe 1808: Befürworter der Judenemanzipation sind ”Humanitätssalbader, und1823: jüdisch-deutsche Mischehen verletzen sittliche Empfindungen.
  • Friedrich Harkort 1849: Judenjungen und Demokraten sind Aufwiegler.
  • Richard Wagner 1881: die jüdische Rasse ist der geborene Feind der reinen Menschheit.
  • Karl Ernst Osthaus 1896: die Ausscheidung dieses Schmarotzervolkes ist notwendig.
  • Walter Gropius an Karl Ernst Osthaus 1917: …wir haben die Juden unbehindert groß werden lassen und ich fürchte, die frische Kraft zu einem Pogrom ist nicht mehr in uns.

Die schreckliche Veränderung der Gesellschaft kennzeichnen die letzte Phase einer hochidealistischen Kultur "Rein Deutsch", in der für die simple Mitmenschlichkeit, ALLE sind Bürger dieses Staates, kein Platz war.

Das ALLES ermöglichte die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938!

 

Lesenswerte Links

Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull (* 1898)

Deutsches historisches Museum – Berlin

gegen das Vergessen erzählen

 

 

Mein Fazit

Ja, eigentlich sollte es ein kurzer Beitrag zum 9. November werden. Aber es gab so viel zu sagen und es gäbe noch viel mehr. Aber jetzt bin ich froh, dass ich es geschafft habe, in dieser, für Deutschland folgenschweren Nacht, den Beitrag ab zu schließen. Meine Mahnung, meine Erinnerung, meine Aufarbeitung.

"Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen." sagte der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex einmal in einem Interview. Ich denke er hat Recht. Gerade in unserer jetzigen Zeit. Denn wir haben einen heute eine Fremdenfeindlichkeit und einen Antisemitismus  der weniger ein „Antisemitismus trotz Auschwitz“, sondern vielmehr ein „Antisemitismus wegen Auschwitz“ ist.

Auch heute stellen Ausländer und Juden in Deutschland wieder eine Bedrohung dar. Die bloße Existenz von Juden in unserer Gesellschaft ruft bei vielen ein Gefühl der Schuld hervor. Eine Empfindung, wenn sie sich an Holocaust, Vernichtung und Verantwortung erinnern müssen. Aber Verantwortung haben wir heute gegenüber ALLEN anders denkenden, anders seienden, anders aussehenden, anders glaubenden Menschen unseres Staates.

Haben wir Deutsche ein Recht darauf, unsere Geschichte Geschichte sein zu lassen? Eine unhistorische Frage, denn niemand, kein Volk und kein Staat, kann seiner Geschichte entfliehen. Das heißt nicht kollektive Schuld, dass heißt nicht Tätervolk, dass heißt nicht büßen, aber es heißt GEGEN die Verharmlosungen der Nazi-Verbrechen an zu gehen, GEGEN neue Rechte Gewalt und

GEGEN DAS VERGESSEN!

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