Reichspogrom: Was – wieso – warum? (2. Teil)

Veröffentlicht: 2008/11/09 in GEGEN rechts!

Aber wie konnte es nun überhaupt dazu kommen, dass Deutsche gegen Deutsche vorgingen.

Wie konnte es kommen, dass ein zivilisiertes Volk den Rufen eines irrsinnigen "Führers" folgte.

Wie konnte es kommen, das das wohl scheinbar "Gute" für den Staat in ein solches Massaker umschlug und es nicht beachtet wurde?

 

Die Antworten sind z.T. in der Geschichte zu finden.

Der eigentliche Judenhass ist schon 2000 Jahre alt und wurde immer wieder in den unterschiedlichsten Formen praktiziert.

Verfolgungen, Vertreibungen und Unterdrückung sind stete Begleiter der Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Gläubigen gewesen. Judenverfolgungen sind nicht erst eine Erscheinung unseres Jahrhunderts, in dem die grauenvollen Pogrome des NS-Regimes geschahen. Sie traten über die Jahrhunderte hinweg immer wieder in vielgestaltigen Varianten, unter den verschiedensten Begründungen und zu unterschiedlichsten Anlässen auf.

Als Ursache kann man religiöse Intoleranz, Neid auf wirtschaftliche Güter und Wohlstand, Machtstreben, Gewinnsucht und vieles Anderes anführen. Juden hatten immer wieder als Sündenbock herzuhalten, wenn es darum ging, einen Schuldigen für Notstand, Missstände oder Machtgier zu finden.

 

Aber fangen wir der Reihe nach an.

Nachweislich kamen Juden in die Gebiete des heutigen Deutschlands als Händler mit den römischen Legionen, d.h. schon zur Zeit Caesars und der gallischen Kriege usw. In den später entstehenden Fürstentümern wird amtlich bereits seit dem Jahre 1000 berichtet, dass es jüdische Einwanderer gibt.

 

Aber bereits 1033 wird kommen erste große Hasswellen auf, als z.B. in Bamberg Juden die wunderwirkende Kraft der Reliquien der Heiligen Kunigunde nicht anerkennen wollten. Der Legende nach heilten die Reliquien der hl. Kunigunde einen Jungen von seiner Besessenheit.

Bereits 1096  – zur Zeit des 1. Kreuzzuges – machte z.B. Graf Emicho von Leiningen aus dem Fürstbistum Bamberg eine unheimlich blutige Judenverfolgung. Zuerst richtete er ein wahres Blutbad unter den Juden von Mainz, dann in anderen Städten an. Mit der Schärfe des Schwertes von der Religion der Liebe zwang er sie, sich taufen zu lassen. Wer sich weigerte, wurde ermordet. Die so zum christlichen Glauben gezwungenen Juden konnten jedoch bereits 1097 mit der Billigung des damaligen Bamberger Bischofs Rupert und des Kaisers Heinrich IV. zum Judentum zurückkehren. Der damals regierende Papst Clemens III. erkannte diesen Schritt jedoch nie an!

 

Die nächsten großen Ausschreitungen begannen im Jahre 1298. Sie begannen in dem idyllischen fränkischen Städtchen Röttingen und breiteten sich über Bayern bis hin nach Österreich aus. Verursacher war ein gewisser Rindfleisch der behauptete, dass Juden in Bezirken von Ostfranken das Sakrament des Fronleichnam geschändet haben sollen. Ein Chronist von Heilsbronn schreibt darüber:

"Da die Bauern und das gemeine Volk hörten, das Sakrament des Fronleichnams werde […] geschändet, kamen sie einmütig und mit gleicher Absicht, ohne dass Jemand Einen anregte oder antrieb, von allen Seiten zusammen und griffen zuerst im Lande in kleinen Städten, hernach in Würzburg, Nürnberg, Rothenburg und den übrigen Städten bis Amberg in Bayern die Juden an […] und zwangen sie, sich selbst zu morden und zu verbrennen".

Allein im Raum Bamberg und den 140 umliegenden Gemeinden sind insgesamt 100.000 Opfern zu beklagen.

 

Haben sich meine bisher beschriebenen Ausführungen nur auf Orte und Bezirke in Deutschland bezogen, so berichten die Geschichtsbücher um die Mitte des 14. Jahrhunderts von europaweiten Judenverfolgung. Ausgelöst wurden diese Pogrome durch die Pest / "schwarzen Tod", eine Seuche, die ein Viertel der europäischen Bevölkerung das Leben kostete.

Die Dummheit der Massen folgte schon wie 1298 Gerüchten, denn angeblich seien die Juden Schuld an der Seuche, da sie Quellen und Flüsse verseucht hätten. Dieser Hetze fielen zahlreiche jüdische Gemeinden fast vollständig zum Opfer.

Von offiziellen Stellen wurde  zwar versucht, diesen Übergriffen auf Juden entgegen zu wirken, aber selbst päpstlichen Bullen (besiegelte Rechtsakte), kaiserlichen Verordnungen und Schutzmaßnahmen von Bischöfen und Fürsten zeigten keinerlei Wirkung. Weder die jüdischen Gemeinden noch jüdische Einzelpersonen konnten geschützt werden, denn die s.g. Geissler (Mönche), die durchs Land zogen, redeten, predigten und hetzten öffentlich gegen die Juden.

 

In der zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts finden in Spanien und Portugal besonders viele Vertreibungen statt. Aber auch in Deutschland werden viele von den judenfeindlichen Maßnahmen der Regierenden betroffen.

So schlossen z.B am 25. April 1422 die Bischöfe von Bamberg und Würzburg mit den Markgrafen Friedrich und Johann von Brandenburg einen Vertrag, in dem sich die genannten Fürsten verpflichteten (Zitat): Vnd wir wöllen vnd söllen vns fürbass der Judischeit in vnsern Slossen, Steten, Merckten vnd Dörffern eussern, vnd so von als wir mogen sie in vnsern landen hie zu Franken nicht mer wonaftig sein lassen. Die Umsetzung dieses Vertrages sah folgendermaßen aus: sämtliche Juden wurden einzufangen, ihre Schuldscheine und Pfänder konfisziert und sie wurden erst nach Zahlung eines Lösegeldes wieder freizulassen.

 

Es gab zu dieser Zeit aber auch Andere, wie den Bischof Anton von Rotenhan. In seinem Machtbereich hatten Juden das Recht und die Freiheit Handel zu treiben und Handelsreisen unternehmen zu können. Vor allem aber standen sie unter seinem Schutz, auch wenn er hin und wieder zu Übergriffen durch die Bevölkerung kam.

Auch der Bamberger Bischof Georg von Schaumburg verweigerte sich lange Zeit gegen die Bestrebungen des Nürnberger Rates eine Ausweisung der Juden beim Kaiser zu erwirken. Aber als der angebliche von Juden begangene Ritualmord des Knaben Simon in Trient bekannt wurde, flammte der Judenhass erneut auf. Von allen Kanzeln im Land wurde gegen die Juden gepredigt. So kam auch Schaumburg nicht umhin, 1478 die Ausweisung aller Juden ins Exil zu veranlassen.

Diese Vertreibung der jüdischen Gemeinde Bambergs blieb vorerst die einzige durchgeführte dieser Art. Denn die anderen Stadt- und Gemeindeväter wollten auf die Zinseinnahmen der jüdischen Bürger nicht verzichten. Auch die nachfolgenden Ausweisungsanordnungen des 16. Jahrhundert wurden kaum umgesetzt. Sie erfüllten lediglich den Zweck, dass eine Ausweisungsfrage zu einer Geldfragen wurde. Denn es kam zu umfangreichen Beamtenbestechung auf , damit ein sicherer Aufenthalt der Juden gewährleistet war.

 

Als 1618 der Dreißigjährigen Krieges begann, flohen viele Menschen vom Land in die schützenden, befestigten Städte. Unter ihnen auch viele Juden. Durch die anwachsende Zahl der Flüchtlinge verschärfte sich die Situation in vielen Städten. So mussten Juden Sonderzahlungen leisten, um überhaupt in einer Stadt geduldet zu werden. Diese Abgabe wurde nach Kriegsende zu einer festen Steuer.

 

Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts begann eine Zeit, in der sich Bischöfe für ihre schutzbefohlenen Juden gegen die Bedrohung durch das Volk einsetzten. Unter Androhung von Strafe versuchten sie den Schutz der Juden zu gewährleisten. Leider schürte dies den Judenhass innerhalb der Bevölkerung nur weiter.

Denn bereits im Jahr 1698 begannen erneut Unruhen. Es war ein Jahr der Hungers- und Getreidenot in Deutschland. Verschärft wurde die Situation durch z.B. den Fürstbischof Lothar Franz von Schönborn, der eigentlich in guter Absicht, Getreide aus den Beständen des Bistums an holländische Juden verkaufte hatte. Denn der Bischof wollte der Not durch finanzielle Mittel Abhilfe schaffen. Schnell kam im Volk jedoch die Meinung auf, die Juden würden alles Getreide aufkaufen und seien Schuld an der Hungersnot. Im April 1699 kam es dann zum Aufstand, wobei mit Getreide beladenen Wagen und schon beladenen Schiffe geplündert wurden.  

Der Aufstand eskalierte dahingehend, dass der Pöbel Häuser von Juden stürmte und plünderte. Aufwiegler mit gefälschten kaiserlichen Schreiben, denen zufolge die Juden auszuplündern und binnen drei Tagen aus dem Land zu treiben seien, berschärften das Ganze. Viele, unter ihnen auch häufig Adelige, folgten diesen gefälschten Schreiben nur all zu gern. Erst im Juni 1699 wurden Truppen ausgesandt um für Ruhe und Ordnung zu sorgen und den oberflächlichen Frieden wieder her zu stellen. Doch die Ruhe war trügerisch. Die feindselige Stimmung gegen die jüdischen Mitbürger äusserte sich in zahlreichen einzelnen Übergriffen, Schikanen und in Form von hetzender Literatur. In dieser Zeit entstanden die ersten antisemitischen Schriften, die auch das folgende Jahrhundert prägten.

 

Aus dieser Zeit , in der die Französischen Revolution (1789) stattfand, in der sich Deutschland immer mehr gegenüber dem Westen abgrenzte, stammen auch Schimpfworte wie Judenlümmel und Parasiten. Es kam zwar zu Ausgrenzungen, aber nicht zu nennenswerten Übergriffen.

 

Zu beginn des 19. Jahrhundert wurden Juden nun endlich eingebürgert, trotzdem blieben sie Bürger zweiter Klasse.  Ihr neuer politischer Status zeigte sich anhand bestimmter Rechte aber auch Pflichten, u.a.:

  • jüdische Männer unterlagen nun der allgemeinen Wehrpflicht.
  • Juden brauchten keine Schutzgelder mehr an den Staat bezahlen.
  • Juden hatten die Pflicht, sich mit einem vorher gewählten deutschen Namen in eine Liste, ein Matrikel, eintragen zu lassen.
  • jüdischen Kindern durften nun öffentliche Schulen besuchen.
  • Juden wurde es wieder erlaubt handwerkliche Berufe auszuüben.

In dieser Zeit war die gegenseitige Toleranz groß. Nach den drei Kriegen – 1864, 1866 und 1870/71 – kam es in Deutschland zum wirtschaftlichen Aufschwung, zu dem die Juden einen nicht unerheblichen Teil beitrugen. Aber auch für sie selbst hatte der Aufschwung vorteilhafte Auswirkungen. Durch Sparsamkeit und Tüchtigkeit kamen viele jüdische Handeltreibende und Geschäftsinhaber zu Wohlstand. Aber auch der gesellschaftliche Aufstieg war gegeben, denn jüdische Firmen stiegen zu führenden Unternehmen auf und viele jüdische Ärzte und Juristen genossen großes Ansehen.

Ihre neue Rolle nahmen die Juden innerhalb der Gesellschaft sehr ernst. Es kam zu einem großen Engagement für soziale Dinge, die sowohl Juden als auch Christen betrafen. So gab es zum Beispiel eine Weißbrotverteilung unter Armen, eine Brennholzverteilung speziell für christliche Familien, Kleiderbeschaffungen, Austeilungen zu Weihnachten an christliche Arme und vieles mehr.

 

(Das 20. Jahrhundert folgt)

PS. aber wahrscheinlich erst morgen, denn meine Hunde wollen in den Wald und ich muss erst mal meinen Schreibtisch von Dokumenten freischaufeln 🙂

 

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Kommentare
  1. Harald sagt:

    Das wirft Fragen nach einer Ethik (=Link) auf: Die Diskussion wird in der Philosophie zumeist anhand der Frage „Warum soll man moralisch sein?“ geführt. Das Sollen innerhalb der Frage ist dabei kein moralisches Sollen, sondern verweist auf eine Akzeptanz besserer Gründe, z. B. anhand der Rationalen Entscheidungstheorie (=Link). Die Antwort auf die Frage hängt also ab vom jeweiligen Verständnis von Vernunft (=Link).

  2. Harald sagt:

    Hier nochmals die Links …jetzt sollte sie funktionieren: Rationale Entscheidungstheorie. Und: Vernunft  (Links zu Kommentar unten)

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