Reichspogrom: Was – wieso – warum? (1. Teil)

Veröffentlicht: 2008/11/09 in GEGEN rechts!

Wie mir letztens ein Mensch schrieb: "Man solle nun endlich Ruhe geben, nicht immer die alten Sachen aufwärmen. A.H. hätte ja nun schließlich auch viel Gutes getan, uns den Volkswagen gebracht und die Autobahn. Und ich könne es ja nicht wissen, wie es war, denn ich wäre ja noch zu jung." Na ja er schrieb das ganze förmlicher, aber der Sinn stimmt. Solche E-Mails erhalte ich oft, die mit dem Inhalt: Unter den Teppich kehren. Ist doch vorbei.

Ja ich war nicht dabei, denn sonst könnte ich hier sicher nicht leben. Aber ich bin mit den Augenzeugen groß geworden, ich habe ihr Berichte von den KZ’s gehört und höre sie mir noch heute an. Denn nicht ALLE sind schon Tod. Und die Wunden sitzen tief.

Und für die Aktion "unter den Teppich kehren", dafür bin ich nun wirklich nicht. Nein es ist keine Anklage, die ich betreiben will, ich will informieren. Denn die Zunahme der rechtsgerichteten Bevölkerung ist erschreckend. Denn die Parolen und Propaganda der heutigen rechten Organisationen, ist wirklich gut. Man gibt sich gutbürgerlich und gibt den Ausländern die Schuld, dass die Lehrstellen fehlen. Genau das Richtige für Jugendlich ohne Perspektive, sie sind eine leichte Beute.

Genau diese Problematik haben wir heute genauso wie in den 30ger Jahren. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Jugend ohne Zukunft. Allein der Film und das Buch "Die Welle" zeigen uns doch, dass es jederzeit wieder passieren kann. Und daher bin ich gegen das Vergessen aber auch gegen die Zuweisung einer Kollektivschuld!

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Vor 70 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ziehen Gruppen gewaltbereiter Männer unbehelligt durch deutsch Innenstädte. Es ist kein Mob, denn sie haben Anweisungen von offizieller Stelle in Berlin. Der staatlich legitimierter Auftrag ist: Geschäfte von Bürgern jüdischer Herkunft sollen zerstört, die Synagoge soll in Brand gesteckt werden.

Die meisten der Männer sind Mitglieder der „Sturmabteilung“ (SA), der „Schutzstaffel“ (SS), Kursteilnehmer der staatlichen Gauführerschulen und ähnlicher Einrichtungen. Auf Anordnung aus Berlin tragen sie größtenteils keine Uniform.

Mit Knüppeln und Steinen bewaffnet, demolieren und plündern sie jüdische Geschäfte und Wohnungen. Räume der Synagogen werden verwüstet und zum Teil in Brand gesetzt. Die Feuerwehr darf den Brand nicht verhindern. Die Polizei darf nicht eingreifen. Etwa 1400 Synagogen und Bethäuser in Deutschland werden niedergebrannt oder vollständig zerstört. Zahlreiche Friedhöfe werden verwüstet.

Aber es geht noch weiter! Einige Deutsche jüdischer Herkunft werden schwer misshandelt. Unter ihnen ist z.B. Simon Cohn, Gastwirt und Metzger aus Hagen. Er stirbt später an den Verletzungen. Ein anderes Beispiel ist der Hagener Rechtsanwalt Ferdinand David, er wird aus dem Fenster seines Hauses gestürzt. Eine damals 14jährige berichtet später, wie die Gewalttäter sich ihrer damaligen Wohnung nähern. Sie hat Todesangst. So ergeht es vielen.

Denn die Berliner Anordnung vom 9. November, kurz vor 24:00 Uhr, lautet (Zitat): Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20-30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden.

Etwa 30.000 deutsche jüdische Männer werden in Konzentrationslagern inhaftiert. So heißen sie jedoch nicht im Munde der deutschen Machthaber. Vielmehr wurde z. B. das 1936 eröffnete KZ Sachsenhausen als eine vollkommen neue, jederzeit erweiterungsfähige, moderne und neuzeitliche Anstalt bezeichnet.

Die im November 1938 eingelieferten jüdischen Deutschen werden gedemütigt, gequält, gefoltert, hunderte werden in den Anstalten ermordet oder in den Tod getrieben. Viele sterben später an den Haftfolgen. Nach Wochen oder Monaten werden viele wieder freigelassen, nachdem sie schriftlich erklärten, Deutschland zu verlassen. In diesem Fall mussten sie ihr Geschäft, Haus und Vermögen nichtjüdischen Deutschen oder deutschen Regierungsstellen überschreiben bzw. an diese zu Spottpreisen verkaufen.

Lange vor 1938 hatte diese staatlichen Erpressungs- und Raubaktionen begonnen, wenn auch in ganz kleinem Maßstab. Die Regierung in Berlin sowie ihre regionalen und lokalen Stellen bezeichnen diese Aktionen als Arisierung. 1933 leben ca. 500 000 Juden in Deutschland, zur Zeit der Reichspogrom sind es ca. 300.000.

In diesen Tagen herrscht in Deutschland die Zeit der doppelten Gewaltpolitik. Denn außenpolitisch werden Eroberung und Unterdrückung europäischer Länder vorbereitet und ausgeführt, innenpolitisch werden Gegner und Minderheiten – besonders aber Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden – ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben, ermordet. Dies Alles geschieht im Einklang und mit Duldung der maßgeblichen Kreise der deutschen Gesellschaft. Denn gerade die Rüstungsindustrie machte riesige Gewinne und wollte es sich natürlich nicht mit den Machthabern verscherzen..

 

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