Jom Kippur, Tag ohne Versöhnung – Elie Wiesel

Veröffentlicht: 2008/10/08 in Judaica

Die nachfolgende Geschichte des amerikanischen Schriftstellers Elie Wiesel wollte ich Euch einmal zum Lesen geben.

Ich denke es ist nicht jedermanns Geschmack, aber …

Es ist auch keine lustige oder schöne Geschichte, aber …

Na ja, wem es nicht gefällt, kann es ja wegklicken 🙂

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Erloschenen Blickes grub Pinchas die Erde auf, seine zu einem schmerzhaften Lächeln verzogenen Lippen bewegten sich lautlos. Er schien ein Streitgespräch mit jemand in sich selbst zu führen, bald würde er – sein Ausdruck zeigte es an – sich für besiegt erklären müssen.

Ich hatte ihn niemals so niedergeschlagen gesehen. Sein Körper würde nicht mehr lange durchhalten, ich wusste es. Schon verließen ihn die Kräfte, seine Bewegungen wurden langsamer und verworren. Zweifellos wusste er das auch. Selten sprachen wir vom Tod, wir zogen es vor, seine Gegenwärtigkeit zu leugnen und ihn wie früher auf eine einfache Anspielung, auf etwas Abstraktes, etwas Harmloses, auf ein Wort wie die andern zurückzuführen.

,,Woran denkst du? Was stimmt nicht?’’

Pinchas senkte den Kopf traurig, als wollte er vor mir seine Verlegenheit oder seine Traurigkeit oder beides zugleich verbergen und ließ einen langen Augenblick verstreichen, bevor er mit kaum vernehmbarer Stimme antwortete: ,,Morgen ist Jom Kippur’’.

Schlagartig fühlte auch ich mich niedergeschlagen. Mein erster Jom Kippur im Lager. Vielleicht der letzte. Tag des Urteils, Tag der Vergebung. Morgen wird das himmlische Tribunal tagen und den Richtspruch verkünden: ,,Wie die Herde werden die Menschen dieser Welt vor Dir einhergehen’’. Früher – vergangenes Jahr noch – zitterte ich vor der Ankunft dieses Tages der Tränen, der Strafe und der Angst. Morgen werden wir vor G"tt treten, der alles hört und alles sieht, und ihm sagen: ,,Vater, habe Erbarmen mit deinen Söhnen’’. Würde ich wieder fähig sein, inbrünstig zu beten? Pinchas schüttelte sich plötzlich. Sein Blick senkte sich in meinen:

,,Morgen ist der Tag der großen Versöhnung, und ich habe eben eine Entscheidung getroffen: ich werde nicht fasten. Hörst du? Ich werde nicht fasten’’.

Ich verlangte keine Erklärung von ihm. Ich wusste, er würde sterben, und ich fürchtete, dass er sich nicht rechtfertigen würde, sondern behaupten könnte: „…ganz einfach – ich habe mich entschlossen, das Gesetz nicht mehr zu befolgen und nicht mehr zu fasten, weil ich in den Augen der Menschen und G"ttes bereits tot bin und weil die Toten die Gebote der Thora nicht übertreten können."

Ich senkte den Kopf und wollte an nichts denken, als an den Boden, den ich unter einem Himmel aufgrub, der noch dunkler war als Erde.

Wir gehörten zum gleichen Kommando und konnten es einrichten, nebeneinander zu arbeiten. Der Altersunterschied hinderte ihn nicht, mir ein Freund zu sein. Er musste die Vierzig überschritten haben. Ich war fünfzehn Jahre alt. Vor dem Krieg war er Rosch Jeschiwa gewesen, Leiter einer Rabbinerschule irgendwo in Galizien. Um den Hunger zu vergessen und unsere Verzweiflung zu täuschen, studierten wir oft aus dem Gedächtnis eine Seite des Talmud. Ich lebte ein zweites Mal meine Kindheit, indem ich mich zwang, nicht an die Toten zu denken. Gefiel ihm einer meiner Gedanken, zitierte ich eine Stelle richtig, kam es vor, dass er mir zulächelte und sagte:

,,Ich hätte dich gerne als Schüler gehabt."

Ich antwortete: ,,Aber ich bin dein Schüler, der Ort zählt nicht."

Das war falsch, der Ort war von tragender Bedeutung. Nach den Gesetzen des Lagers war ich ihm gleichgestellt, ich duzte ihn. Jede andere Sprache wäre mit den Umständen unvereinbar gewesen.

,,Hörst du mich?’’ schrie Pinchas in herausforderndem Ton ,,Ich werde nicht fasten!’’

,,Ich verstehe dich. Du hast Recht. Man muss nicht fasten. Nicht in Auschwitz. Hier leben wir außerhalb der Zeit und außerhalb der Sünde. Jom Kippur ist in Auschwitz nicht verpflichtend’’.

Seit Rosch Haschana ist diese Frage überall im Lager hart und nachdrücklich diskutiert worden. Fasten hieße schnellerer Tod. Hier fasteten wir das ganze Jahr, hier war das ganze Jahr Jom Kippur. Und das Buch des Lebens und des Todes befand sich nicht mehr in G"ttes Händen, sondern in den Händen des Henkers. Die Worte ,,mi jichje umi jamut’’, wer leben und wer sterben wird, hatten hier eine schrecklich reale und unmittelbare Bedeutung angenommen.

Alle Gebete konnten nicht den ,,Gsar Din’’, den unerbittlichen Lauf des Schicksals, ändern. Um hier zu leben, musste man essen, nicht beten.

,,Du hast recht, Pinchas’’, sagte ich und bemühte mich, seinem Blick standzuhalten.

,,Du musst morgen essen. Du bist länger hier als ich, länger als viele andere. Du brauchst deine Kräfte. Du musst dich bewegen, dich überwachen, dich schützen. Man darf die Grenzen nicht überschreiten und das Unglück nicht herausfordern. Das wäre eine Sünde’’.

Ich sein Schüler? Ich unterrichtete ihn und gab ihm Ratschläge, als wäre ich der Ältere, sein Führer.

,,Darum handelt es sich nicht’’, Pinkhas Nerven waren zum Zerreißen gespannt. ,,Ich könnte den ganzen Tag ohne einen Bissen durchhalten. Es wäre nicht das erste Mal’’.

,,Worum geht es dann?’’

,,Um eine Entscheidung. Bis jetzt habe ich alles hingenommen, ohne Erbitterung, ohne Hintergedanken. Ich sagte mir: ,,G“tt weiß, was er tut, und unterwarf mich seinem Willen. Weiß er was er tut, ist es schlimm, genauso schlimm, wenn er nicht weiß, was er tut. Daher habe ich mich entschieden, ihm zu sagen: Ich gehe nicht weiter!’’

Ich schwieg. Was konnte ich ihm schon sagen? Ich durchlief die gleiche Krise. Jeden Tag entfernte ich mich etwas weiter vom G“tt meiner Kindheit. Er wurde mir fremd, manchmal hielte ich ihn für meinen Feind.

Das Erscheinen Edeks beendete unser Gespräch. Er war unser Herr, unser König: der Kapo. Dieser junge Pole mit den roten Backen und den Bewegungen eines wilden Tieres liebte es, seine Sklaven zu überraschen und vor Angst aufheulen zu lassen. Selbst noch ein Jüngling, machte es ihm Spaß, über die Erwachsenen solche Macht zu haben. Wir fürchteten seine Launen und jähen Zornesausbrüche: den Mund geschlossen, mit halb gesenkten Wimpern schlug er noch lange auf das Opfer ein, das bereits ohnmächtig und dessen Stöhnen verstummt war.

Mit verschränkten Armen pflanzte er sich vor uns auf: ,,Man macht Siesta? Man tauscht Erinnerungen aus? Glaubt ihr, ihr seid in den Sommerferien? Oder in der Synagoge?’’

Eine grausame Flamme erleuchtete in seinen Augen. Sogleich erlosch sie wieder: eine Fehlgeburt des Zorns. Ungestüm handhabten wir die Schaufeln und dachten an nichts anderes als an unsere Erde, die sich drohend vor uns öffnete. Edek bedachte uns mit einigen Flüchen und entfernte sich wieder.

Pinchas hatte keine Lust mehr zu reden. Für ihn waren die Würfel gefallen. Der Bruch mit G"tt schien vollzogen.

Mittlerweile gewann der Graben unter unseren Füßen an Breite und Tiefe. Ich empfand das eigenartige Gefühl, ein Grab zu schaufeln. Für wen? Für Pinchas? Für mich selbst?

Vielleicht für unsere Erinnerungen.

Zurück im Lager, bemerkte ich die fiebrige Erwartung: man bereitete sich vor, den heiligsten und längsten Tag des Jahres zu empfangen. Meine Bettnachbarn, Vater und Sohn, unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Der eine sagte ,,Vorausgesetzt, dass der Appell nicht zu lange dauert’’. Der andere ,,Wenn die Suppe vor Sonnenuntergang ausgeteilt wird..’’

Ihre Wünsche wurden erfüllt. Der Appell ging ohne Zwischenfall vorbei. Eilig teilte der Blockvorsteher die Suppe aus, eilig schlang ich sie hinunter. Ich wusch mich, reinigte mich. Als sich der Tag neigte, war ich bereit.

Zehn Tage zuvor, am Vorabend des Rosch Haschana, hatten sich sämtliche Juden des Lagers, auch die Kapos, auf dem Appellplatz versammelt und den G"tt Abrahams, Isaaks und Jakobs flehend angerufen, die Seiten zu wechseln und seinen Pakt mit dem Feind zu lösen. Gemeinsam hatten wir für die Toten und die Lebenden den Kaddisch aufgesagt. Als belustigte Zuschauer, das Maschinengewehr in der Hand, standen Offiziere und Soldaten auf der anderen Seite des Stacheldrahtes.

Wir kehrten nicht zurück, um das Gebet Kol Nidre aufzusagen. Wir befürchteten eine Selektion: in den vergangenen Jahren hatten sie den Tag der Vergebung in einen Tag der Trauer verwandelt. Jom Kippur ist zum Tischa Beaw geworden, zum Tag der Zerstörung des Tempels. Daher beherbergte jede Baracke ihre eigene Synagoge. Das war vorsichtiger. Ich bedauerte es, denn Pinchas war in einem anderen Block. Der ungarische Rabbi war unser Vorsänger. Seine Stimme weckte meine Erinnerungen, und ließ jene alte Legende wieder entstehen, nach der am Abend des Jom Kippur sich die Toten aus ihren Gräbern erheben, um mit den Lebenden zu beten. Ich dachte: ,,Es stimmt also, so geschieht das: in Auschwitz wurde diese Legende bestätigt’’. Seit Wochen hatten sich in unserem Block mehrere gelehrte Juden getroffen, um auf Toilettenpapier die Gebete für die hohen Feiertage niederzuschreiben.

Jeder Vorsänger erhielt eine Kopie. Unserer las mit lauter Stimme und wir sprachen ihm jeden Vers nach. Der Gesang des Kol Nidre, der uns von allen Zwangsvorstellungen befreien sollte, erschien mir anachronistisch und absurd, obwohl er Jahrhunderte zuvor unter ähnlichen Umständen verfasst wurde: in Spanien, im Schatten der Scheiterhaufen.

Einmal im Jahr versammelten sich alle Konvertiten und riefen vor G"tt aus: ,,So wisse, alles, was wir getan haben ist ungetan, alles, was wir gesagt haben ungesagt’’. Kol Nidre? Ein trauriger Scherz. Hier und jetzt gibt es keine geheime Wünsche mehr zu formulieren oder zu verleugnen: alles ist klar und unwiderruflich.

Und jetzt die große Beichte. Auch hier klang alles falsch, nichts betraf uns. Aschamnu, wir haben gesündigt. Bagadnu, wir haben verraten. Gasalnu, wir haben gestohlen. W i r?

W i r haben gesündigt? Gegen wen? Durch was? W i r haben verraten? Seit G"tt über seine Schöpfung das Urteil sprach, geschah es sicher zum ersten Mal, dass sich die Opfer auf die Brust schlugen und sich der Verbrechen ihrer Henker beschuldigten.

Warum haben wir Sünden auf uns genommen, die zu begehen niemand unter uns je den Drang noch die Möglichkeit gehabt hätte? Fühlten wir uns trotz allem schuldig? Das war einfacher. Besser zu glauben, dass unsere Strafen einen Sinn, wir sie also verdient hatten.

An den grausamen, aber gerechten G"tt zu glauben war besser, als an nichts zu glauben. Um keinen offenen Krieg zwischen G"tt und seinem Volk auszulösen, haben wir die Wahl getroffen, Ihn zu schonen, und wir riefen Ihm zu: ,,Du bist unser Herr, gesegnet seiest Du! Gnadenlos schlägst Du uns, du vergießt unser Blut, dafür preisen wir Dich, o Ewiger, denn Du zeigt uns, dass Du gerecht bist und Dein Name Gerechtigkeit heißt."

Ich gestehe, meine Stimme mit den anderen Stimmen vereint, den Himmel um Gnade und Vergebung angefleht zu haben. In Widerspruch zu allem, was meine Lippen hervorstießen, beschuldigte ich mich nur, um alles so besser der Lächerlichkeit, der Farce überantworten zu können. Jeden Augenblick erwartete ich, dass mich der Herr des Weltalls mit Schweigen schlagen und sagen würde: ,,Das genügt, du übertreibst’’. Ich malte mir aus, wie ich Ihm geantwortet hätte ,,Du auch, gesegnet seiest Du, Du auch’’.

Die Lagerglocke löste unsere Versammlung auf. Die Blockältesten brüllten: ,,Alles klar, schlafen gehen! Wenn euch G"tt nicht gehört hat, ist er unfähig zu hören!’’

Am nächsten Tag bei der Arbeit schloss sich Pinchas einer anderen Gruppe an. Ich dachte: ,,Damit er essen kann, ohne dass ihn meine Anwesenheit stört.“

Am folgenden Tag kam er wieder. Sein Gesicht war noch bleicher, noch ausgehöhlter. Der Tod stand hinter ihm. Ich überraschte mich bei dem Gedanken: ,,Er wird sterben, weil er das Gebot von Jom Kippur nicht eingehalten hat’’.

Einige Stunden bearbeiteten wir die Erde, ohne uns anzusehen. Von weitem waren die Schreie des Kapos zu hören, der auf und ab ging und unablässig auf die Menge einschlug. Gegen Ende des Nachmittags wandte sich Pinchas zu mir: ,,Ich muss dir ein Geständnis machen’’.

Ich erbebte, schaufelte aber weiter. Ein eigenartiges, fast kindliches Lächeln erschien auf seinen Lippen: ,,Ich habe gefastet’’.

Ich schwieg, meine Verblüffung amüsierte ihn: ,,Ja ich habe gefastet wie die andern. Aber nicht aus den gleichen Gründen. Nicht aus Unterwerfung, sondern aus Herausforderung. Siehst du, vor dem Krieg erhoben sich manche Juden gegen den Willen G"ttes und gingen am Tage der Vergebung ins Wirtshaus. Hier können wir unseren entrüsteten Protest laut werden lassen, indem wir das Fasten einhalten. Ja, mein Schüler und Lehrer, wisse, dass ich gefastet habe. Nicht aus Liebe zu G"tt, sondern wider G"tt’’.

Einige Wochen später verließ er mich: ein Opfer der ersten ,,Selektion’’. Er schüttelte mir die Hand: ,,Ich hätte anderswo und anders sterben mögen. Immer habe ich gehofft, aus meinen Tod und aus meinem Leben einen Akt des Glaubens machen zu können. Schade, G"tt verhinderte es, meinen Traum zu verwirklichen, G"tt liebt die Träume nicht mehr’’.

Dennoch bat er mich, nach seinem Tod, – er musste sich nach seiner Berechnung drei Tage nach Verlassen des Lagers einstellen – den Kaddisch zu sagen.

,,Aber warum denn?’’ begehrte ich auf. ,,Weil du nicht mehr daran glaubst?’’

Im gleichen Ton, indem er mir eine Talmudstelle erklärte, sagte er: ,,Du begreifst das wahre Problem nicht. Um gegen Seinen Willen etwas zu fordern, gibt es hier nur ein Mittel, ihn loben’’.

Und lachend ging er in den Tod…

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Über Elie Wiesel

 

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