Geschichten zu Rosch haSchanah, nicht nur für Kinder

Veröffentlicht: 2008/10/01 in Judaica

Wie in allen Kulturen so gibt es auch im Judentum eine Menge Geschichte, die zu den Feiertagen erzählt werden. Ich habe zwei ganz unterschiedliche ausgewählt, eine der Modernen von Ramona Ambs und eine alte, die die lange Tradition der typisch jüdischen Geschichten verdeutlicht, die zu den Feiertagen erzählt werden.

 

Levi’s Rosh HaShana von Ramona Ambs

Wenn Levi leckere Sachen sieht, hat er immer sofort Hunger. Heute ist so ein Tag. Es ist nämlich Erew Rosh HaShana und auf dem großen Tisch im Wohnzimmer stehen schon geschnittene Äpfel bereit und leckerer Honig in Glasschälchen. Auf einem anderen Teller liegen Honigplätzchen und aus der Küche zieht der Duft von Apfelkuchen herein.

Levi weiß gar nicht in welche Richtung er schnuppern soll, weil es von überallher so lecker duftet. Er schleicht sich an den Tisch heran und will eben mal nach einem Honigplätzchen greifen, da hört er Mama rufen: "Levi, dass Du mir ja nicht schon an den Tisch gehst und rumnaschst! Wir warten bis Papa aus der Synagoge zurück ist, hast Du gehört?!" Levi zieht erschrocken die Hand zurück. Mama ist nirgends zu sehen. "Doof", denkt Levi, "die merkt immer alles, auch wenn sie gar nicht dabei ist. Und dieses Warten ist sooo langweilig."

Er geht rüber zum Regal und holt das Schofar raus. Er pustet mit aller Kraft rein, aber es kommt überhaupt kein Ton raus. Er stellt es wieder zurück und nimmt sich fest vor in sein Zimmer zu gehen und dort zu warten, damit er nicht die ganze Zeit die leckeren Sachen riechen muss. Schließlich hat Mama ihm erklärt, dass man vor Rosh HaShana besonders brav sein soll. Aber noch während er daran denkt, kriecht ihm der Duft von Zimt in die Nase und zieht ihn rüber an den Tisch. "Es fällt bestimmt nicht auf, wenn ich mir nur ein Honigplätzchen nehme", denkt Levi und steigt auf den Stuhl, um besser an den Plätzchenteller zu kommen.

Er greift nach einem Plätzchen – und da passiert es! Er verliert den Halt auf dem Stuhl, wackelt und kippt auf die Seite und mit seinem Ellenbogen direkt in ein Honigschälchen. Es ist eine Riesenschweinerei.

Und natürlich kommt in diesem Moment Mama rein. Mama sieht sehr wütend aus und schimpft: "Oh Levi, kann man sich denn gar nicht auf dich verlassen?" Levi schämt sich. Er steht auf den Stuhl, sein Arm ist voll klebrigem Honig, die Tischdecke ist versaut und Mama ist sauer. Sie zieht ihm sein Hemd aus und räumt den Tisch ab. Levi zieht sich einen neuen Pulli an.

Bedrückt geht er nach draußen. Er weiß genau, dass Mama ihn jetzt nicht helfen lässt. Sie muss sich ja jetzt beeilen. Er fühlt sich ganz traurig. Doch dann hat er eine Idee. Er läuft zum Spielplatz an der Ecke und sucht nach den schönsten Blumen, die dort wild blühen.

Bald hat er einen Blumenstrauß für Mama. Er rennt damit zurück und geht zu Mama: "Entschuldigung!" sagt er und Mama nimmt ihn in die Arme. Jetzt ist alles wieder in Ordnung!

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Die alten Kleider

Auf der Jagd kam ein König einmal durch einen großen und dichten Wald. Im tiefsten Dickicht musste er plötzlich feststellen, dass er sich verirrt hatte und den Weg nach Hause nicht mehr finden konnte. Zwar sah er einige Dörfler und Landleute im Walde, aber diese konnten ihm nicht helfen; sie hatten niemals die Heeresstraße des Königs befahren, und so kannten sie sich nicht aus.
Bald jedoch begegnete der König einem weisen und verständnisvollen Mann, und als er diesen nach dem Weg zurück zur Heeresstraße fragte, leuchtete dem Mann alsbald ein, dass er keinen anderen als den König vor sich hatte. Mit großer Ehrfurcht und Achtung zeigte er sich sofort dem Ansuchen willfährig. Ihm war jede Strecke der Straße bekannt, und so geleitete er den König zurück zu seinem Palast und bewirkte damit, dass dieser seinen rechtmäßigen Platz auf dem Throne wieder einnehmen konnte.

Der Herrscher war über all dies sehr erfreut und zufrieden. Um seinen Dank gebührend zum Ausdruck zu bringen, gab er diesem weisen Mann einen hohen Posten, eine wichtigere Stellung, als all seine anderen Prinzen und Edelleute bekleideten. Er ließ ihn in die kostbarsten Gewänder kleiden, und gleichzeitig ordnete er an, dass seine alten Kleider sorgfältig in der königlichen Schatzkammer aufbewahrt werden sollten.

Viele Jahre vergingen; und dann beging dieser weise Mann ein schweres Verbrechen gegen den König, der darüber sehr erzürnt war. Er befahl den Prinzen und Edelmännern, über seinen einstigen Freund zu Gericht zu sitzen und ihn als einen Rebellen gegen den König ab zu urteilen. Der Angeklagte war darüber zutiefst bekümmert, denn er wusste, dass das Todesurteil all derer wartete, die sich eines schweren Vergehens gegen den König schuldig machten.

Er fiel auf seine Knie und flehte den König an, ihm vor seiner Verurteilung eine letzte Gnade zu gewähren, und zwar diese: Er möge ihm gestatten sein, die alten Kleidungsstücke wieder anzulegen, die er vor so vielen Jahren getragen hatte, als er dem König in jenem Walde begegnet war; und seinerseits möge der König auch die Gewänder anlegen, die er damals getragen hatte. Dieser Bitte wurde nachgegeben. Als nun der weise Mann vor den König in jenen alten Kleidern trat und der König seinerseits seine damalige Jagdausrüstung trug, da erinnerte sich dieser der großen Freundschaft und Hilfsbereitschaft, die der weise Mann vor all diesen vielen Jahren an den Tag gelegt hatte. Er gedachte der Tatsache, dass jener ihn zum Palast zurückgeführt und ihn wieder auf seinen Thron eingesetzt hatte. Ein Gefühl von Mitleid und Dankbarkeit regte sich in ihm, er verzieh seinem alten Freund und setzte ihn wieder in seine vorherige Stellung ein.

Am Sinai hatten wir G’tt zum König gekrönt; heute wollen wir, ebenfalls sein Königreich bewahren. Und so treten wir an Rosch haSchanah vor IHN, in der Hoffnung, dass G’tt uns auch verzeihen möge.

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