Archiv für Mai, 2007

Gedicht von Virginia Satir

Veröffentlicht: 2007/05/30 in Gedichte

Ich bin ich

Auf der ganzen Welt gibt es niemanden wie mich.
Es gibt Menschen, die mir in vielem gleichen,
aber niemand gleicht mir aufs Haar.

Deshalb ist alles, was von mir kommt, mein Eigenes,
weil ich mich dazu entschlossen habe.
Alles, was mit mir zu tun hat, gehört zu mir.

Mein Körper, mit allem was er tut,
mein Kopf, mit allen Gedanken und Ideen,
meine Augen, mit allen Bildern, die sie erblicken,
meine Gefühle, gleich welcher Art –
Ärger,
Freude,
Frustration,
Liebe,
Enttäuschung,
Begeisterung.

Mein Mund und alle Worte, die aus ihm kommen,
höflich, lieb oder schroff, richtig oder falsch.
Meine Stimme, laut oder leise,
und alles, was ich mir selbst oder anderen tue.

Mir gehören meine Phantasien,
meine Träume, meine Hoffnungen, meine Befürchtungen,
mir gehören all meine Siege und Erfolge
und all meine Niederlagen und Fehler.

Weil ich mir ganz gehöre,
kann ich mich näher mit mir vertraut machen.
Dadurch kann ich mich lieben
und alles, was zu mir gehört, freundlich betrachten.
Damit ist es mir möglich,
mich voll zu entfalten.

Ich weiß, dass es einiges an mir gibt,
das mich verwirrt, und manches,
das ich noch gar nicht kenne.
Aber solange ich freundlich und liebevoll mit mir umgehe,
kann ich mutig und hoffnungsvoll
nach Lösungen für Unklarheiten schauen
und Wege suchen,
mehr über mich selbst zu erfahren.

Wie auch immer ich aussehe und mich anhöre,
was ich sage und tue,
was ich denke und fühle,
immer bin ich es.

Es hat seine Berechtigung,
weil es ein Ausdruck dessen ist,
wie es mir im Moment gerade geht.
Wenn ich später zurückschaue,
wie ich ausgesehen und mich angehört habe,
was ich gesagt und getan habe,
wie ich gedacht und gefühlt habe,
kann es sein,
dass sich einiges davon als unpassend herausstellt.

Ich kann das, was unpassend ist, ablegen
und das, was sich als passend erwiesen hat, beibehalten
und etwas Neues erfinden für das,
was ich abgelegt habe.

Ich kann sehen, hören, fühlen, denken, sprechen und handeln.
Ich besitze die Werkzeuge, die ich zum Überleben brauche,
mit denen ich Nähe zu anderen herstellen
und mich schöpferisch ausdrücken kann,
und die mir helfen,
einen Sinn und eine Ordnung
in der Welt der Menschen und der Dinge
um mich herum zu finden.

Ich gehöre mir
und deshalb kann ich aus mir etwas machen.
Ich bin ich
und so, wie ich bin, bin ich ganz in Ordnung.

Das Schweigen

Veröffentlicht: 2007/05/23 in Weisheiten

Von einem Rabbi wurde erzählt, dass er viele Menschen vom Glauben an G’tt überzeugen könne. Ein Zweifler wollte das nicht glauben und ging zu dem Rabbi.

"Rabbi" so begann er: "Wenn es G’tt gäbe, warum hat Er mir nicht den Glauben geschenkt?"

Der Rabbi hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts.

"Rabbi, warum sagst du nichts? Das ganze Leben habe ich mich bemüht, den Sinn meines Daseins zu finden. Du schweigst? Sage mir doch, worin die G’tteslehre besteht?"

Der Rabbi sah ihn aufmerksam an und schwieg weiterhin.

 

Da erzählte der Zweifler sein ganzes Leben, seine Bemühungen, warum er zweifelte und wie er gehandelt hatte.

Der Rabbi hörte zu und schwieg.

"Noch nie habe ich jemanden gefunden, der mir so lange und so gut zugehört hat. Jetzt verstehe ich mein Leben viel besser" beendete der Zweifler seine Geschichte. "Von wem hast du aber das Zuhören gelernt?"

Der Rabbi antwortete: "Von G’tt."